I. Veröffentlichungen Brüggemanns zur Hermetik
1) Drei Mystifikationen Heinrich von Kleists. Bern [u.a.], Lang
Verlag 1985, 222 S., 9 Abb. (Germanic Studies in America, Bd. 51).
In dem Großkapitel „Kleists Lust-Spiel mit Goethe“ (S.
89-174) dieses Buches, über die von Brüggemann entdeckten
Beziehungen von Kleists Lustspiel Der zerbrochne Krug zu
Goethes Faust, finden sich die ersten Erkenntnisse über
die ebenfalls neuentdeckten alchemistischen Strukturen im Werk
Kleists. Dort ebenfalls bereits eine erste alchemistische Analyse der
Rembrandt-Radierung Sogenannter Faust.
2) „Babylonische Musik. Die heilige Cäcilie als
Paradigma für Kleists Hermetik“. In: Deutsche
Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und
Geistesgeschichte, 72. Jahrgang (1998), S. 592-636.
Erste Darstellung und Analyse wichtiger alchemistischer Motive in Kleists
Erzählung Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik.
Einige bis dahin ungeklärte Fragen werden geklärt, so
u.a., warum Kleist das nicht zur Römischen Liturgie gehörende
Salve Regina in die liturgische Musik der Nonnen aufgenommen
hat, oder das Problem des gemeinsamen Sterbens der vier
ikonoklastischen Brüder. Außerdem erfolgt die Klärung
der Quelle für Kleists musikalische Motive: das biblische Buch
Daniel.
3) Makarie und Mercurius. Goethes ‚Wilhelm Meisters Wanderjahre’
als hermetischer Roman. Bern [u.a.] 1999, 158 S., 9 Abb.
(Germanic Studies in America, Bd. 70).
Ausgehend
von einer Entschlüsselung des in Wilhelm Meisters Wanderjahre
von Goethe abgebildeten Schlüssels (siehe Abb. rechts) –
der sich als eine Goethesche Version der Monas Hieroglyphica
(1564) des Elisabethanischen Alchemisten John Dee herausstellt –
erkennt diese Buchstudie Goethes Roman als strukturiert durch die
hermetische Tradition. Makarie stellt sich dabei als Personifikation
des alchemistischen ‚Urgottes’ Mercurius heraus. Das
Urbild der Makarie wird in einer Abbildung der Alchimia in dem
hermetischen Werk Ars Magna Sciendi (1669) des Athanasius
Kircher identifiziert.
4) „ Alchemie ohne Labor. Aufschlüsselung des Kryptogramms in
Rembrandts Radierung ‘Sogenannter Faust’“. In:
Jahrbuch der Berliner Museen, N.F., Bd. 23 (2001), S. 133-151,
5 Abb.
Der Aufsatz weist nach, daß die Licht-Erscheinung im Fenster in der
bekannten – von Goethe in einer Adaption von Lips der ersten
Ausgabe von Faust. Ein Fragment vorangestellten –
Radierung (ca. 1651-1653) von Rembrandt, mit dem Titel Sogenannter
Faust, eine grafische Repräsentation des Magnum Opus
der Alchemie ist. Auch wird belegt, daß der früheste Titel
dieser Radierung einen Hinweis auf die Alchemie bot. Schließlich
wird untersucht, warum Goethe den mit ihm befreundeten Kupferstecher
Julius Heinrich Lips damit beauftragte, die Radierung für die
Faust-Ausgabe seitenverkehrt abzubilden.
5)
Kleist. Die Magie. Der Findling, Michael Kohlhaas, Die Marquise
von O…, Das Erdbeben in Chili, Die Verlobung in St.
Domingo, Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik.
Würzburg 2004, 517 S., 35 Abb.
Diese
Studie analysiert die hermetische Struktur der wichtigsten
Erzählungen Kleists. Gleichzeitig werden etwa zwei Dutzend neue
Quellen für die Erzählungen benannt, neben etwa einem
Dutzend Quellen aus der hermetischen Emblematik-Tradition.
II. Was ist Hermetik?
Das
Wort ‚Hermetik’ ist abgeleitet vom griechischen Gott
Hermes (bei den Römern: Mercurius), jedoch nicht direkt von ihm,
sondern auf dem Umweg über den altägyptischen Gott Thot,
der in der späten Antike mit dem Gott Hermes gleichgesetzt und
als solcher auch ‚Hermes Trismegistos’
(‚Dreimal-herrlicher Hermes’) genannt wurde. Thot, also
Hermes Trismegistos, galt den spätantiken und mittelalterlichen
Alchemisten als der Begründer der Alchemie und als Verfasser der
sogenannten hermetischen Schriften, des Corpus Hermeticum.
Diese zumeist in Dialogform abgefaßten und überwiegend
griechisch- und koptischsprachigen Texte stammen jedoch aus dem
zweiten bis dritten Jahrhundert n. Chr. Sie enthalten ‚mystische’
Lehren über Gott, die Entstehung der Welt und die Gestalt des
Kosmos, die Weisheit des Menschen u.ä., und sie zeigen
Parallelen zum Platonismus und zur Gnosis. Die früheste und
bedeutendste dieser Schriften ist der Dialog Poimandres, die
relativ bekannteste und wohl auch einflußreichste war die
Tabula Smaragdina, die als Darstellung des alchemistischen
Prozesses gelesen werden kann und gelesen wurde. Seit der Übersetzung
des Corpus Hermeticum ins Lateinische durch Marsilio Ficino
(1491) wurden die hermetischen Schriften im Abendland bekannter und
verstärkten ihren Einfluß auf die Alchemie. Die erste
deutschsprachige Übersetzung erschien im Jahre 1781 unter dem
Titel Hermes Trismegistos. Poemander oder Von der göttlichen
Macht und Weisheit (Reprint mit einer Einleitung von M. Vollmer,
Hamburg 1990). Das Wort ‚Hermetik’ bezeichnet also zum
einen die Schriften des Corpus Hermeticum, zum anderen
speziell deren Gedankengut, insbesondere deren alchemistische
Aspekte, und schließlich die Alchemie selbst.
Die Bezeichnungen ‚Alchemie’ und ‚Hermetik’
werden daher von einigen wissenschaftlichen Autoren synonym
verwendet, was nur richtig ist, wenn man unter Alchemie nicht nur die
’Labor-Alchemie’, sondern auch die seelische Alchemie
versteht. Auch das Wort ‚Magie’ erscheint zuweilen als
Synonym für Alchemie, aber wiederum ist hier Vorsicht
angebracht. Denn die Magie umfaßte ein weit größeres
Feld als nur die Alchemie. ‚Magische Praktiken’ waren
nicht unbedingt identisch mit alchemistischen Praktiken.
Dem Einfluß des Corpus Hermeticum ist es mit zu verdanken,
daß die seit dem Altertum stets mit Geheimnissen umgebene Kunst
des Goldmachens, die Alchemie, sich neben ihrer Fortexistenz als
genuine ‚Labor-Alchemie’ auch zu einer mystischen,
seelischen oder symbolischen Alchemie entwickelte. Nach der Ablösung
der Labor-Alchemie durch die moderne naturwissenschaftliche Chemie
lebten mannigfache Motive der seelischen Alchemie weiter in den
Ritualen der Freimaurerei. So findet sich etwa die zentrale
alchemistische Bedeutung des unerläßlichen Mittels zur
Goldherstellung, des ‚Steins der Weisen’ (Lapis
philosophorum), in der Freimaurerei als Entsprechung
wiedergespiegelt in der zentralen Bedeutung des Menschen als
‚unbehauener’ und – nach der Initiation in den
Meistergrad – als ’behauener Stein’.
Vom Corpus Hermeticum finden sich Einflußspuren bei
zahlreichen Denkern und Schriftstellern des Abendlandes, so etwa bei
Albertus Magnus, Paracelsus, Shakespeare, später bei Goethe und
Kleist. Bei Goethe galt bisher seine sogenannte Naturphilosophie als
stark von hermetischem Denken beeinflußt. Da Goethe jedoch
Freimaurer war, ist sein Interesse an der Hermetik auch von dieser
Seite her zu bedenken.
III. Weiterführende Literatur zur Hermetik.
Die
früheste und noch nicht überholte Untersuchung zur
seelischen bzw. symbolischen oder mystischen Alchemie ist die Studie
von Herbert Silberer, Probleme der Mystik und ihrer Symbolik, Wien
und Leipzig 1914. Die Arbeiten des bekannten Psychologen Carl Gustav
Jung zur Alchemie haben seitdem die bedeutendsten Fortschritte in der
Kenntnis der seelischen Alchemie gebracht. Bei ihrer Lektüre
wird man sich jedoch von Jungs Auffassung, die Labor-Alchemisten
hätten in ihren Kolben und Phiolen eigene seelische Prozesse
‚gesehen’, sie also ‚hineinprojiziert’, nicht
unbedingt überzeugen lassen. Jungs immense Gelehrsamkeit und
interpretatorische Kultur und Genauigkeit bleiben unbestritten. Seine
Studien sind Pionierarbeiten zur seelischen Alchemie. Besonders die
folgenden sind zu nennen: Psychologie und Alchemie (zuerst
1944), Mysterium Coniunctionis (3 Bände, erster Band
zuerst 1955, die übrigen Bände 1968 und 1971) sowie Studien
über alchemistische Vorstellungen (zuerst 1978), alle auch
greifbar in der Ausgabe von Jungs Gesammelten Werken im Walter
Verlag, Olten und Freiburg i.Br.
Zur Alchemie in Goethes Faust hat der Schweizer Nationalökonom
Hans Christoph Binswanger ein kleines aber unschätzbares
Werkchen geschrieben: Geld und Magie. Deutung und Kritik der
modernen Wirtschaft anhand von Goethes ‚Faust’
(Stuttgart 1985), das aber leider nur Faust II behandelt.
Lexikon:
Wer sich über die Labor-Alchemie und deren Geschichte
unterrichten möchte, greift am besten zu dem handlichen und
trotzdem umfassend sowie solide und präzise informierenden Werk
zweier Naturwissenschaftshistoriker: Claus Priesner, Karin Figala:
Alchemie. Lexikon einer hermetischen Wissenschaft, München
1998, das mit zahllosen Literaturangaben dient und im übrigen
auch einige lesenswerte Beiträge zur seelischen Alchemie
aufweist.